Diakonisse Hilde Leger, Bibliothekarin am Diakonie-Klinikum

Normalerweise kennt man einen solchen Wagen zum Schieben, wie Schwester Hilde ihn hat, nur aus den Harry-Potter-Filmen. Dort nutzt man ihn, um den Schülern im Zug Süßigkeiten zu bringen. Bei Schwester Hilde jedoch hat er einen anderen Zweck. Schon seit vielen Jahren besucht sie damit regelmäßig die Stationen im Diakonie-Klinikum und versorgt die Patienten mit Lesestoff für ihren Aufenthalt.

Seit ihrem Eintritt in das Stuttgarter Mutterhaus 1955 arbeitet und engagiert sich Schwester Hilde Leger schon im Diakonie-Klinikum, zunächst als Krankenschwester im OP, später im Ruhestand als Verwalterin der Patientenbibliothek. Ursprünglich stammt die mittlerweile 80-jährige aus Flacht.


Schwester Hilde, Sie verwalten und pflegen den Bücherwagen und die Patientenbibliothek. Was ist eigentlich Ihr Lieblingsbuch?

Früher als Kind war mein Lieblingsbuch „Heidi“. Ich las auch unheimlich gerne das „Diakonissenblättle“ vom Mutterhaus. Heute bevorzuge ich Biografien, wie zum Beispiel „Das Taufkleid der Kaiserin“ von Werner May oder auch Bücher von Karl Götz.

Wie kamen Sie dazu, den Bücherwagen zu übernehmen?

Ich habe schon in meiner Jugend viel gelesen. Obwohl meine Mutter sich immer bemühte, mich statt des Lesens zum Arbeiten anzuhalten, habe ich mir damals fest vorgenommen: „Wenn ich mal groß bin, schreibe ich Bücher!“
Einige Jahre später war ich dann für längere Zeit krank und freundete mich mit Schwester Christine an. Sie war damals für den Bücherwagen zuständig. Dadurch lernte ich die Arbeit etwas kennen. Schon damals habe ich zu ihr gesagt, dass ich später den Bücherwagen übernehmen würde. Als ich dann in den Ruhestand kam, war es soweit.

Wie funktioniert eine Bücherausleihe?

Jeden Montag besuche ich verschiedene Stationen im Diakonie-Klinikum und fahre mit meinem Wagen in die Zimmer. Wenn die Patienten dann etwas zum Lesen haben möchten, berate ich sie, welches Buch am besten zu ihnen passt. Wir haben für jeden etwas dabei, von Rosamunde Pilcher bis zum Medicus, Humorvolles und Tiefgängiges, aber auch Krimis oder Bücher über Stuttgart. Und natürlich viele Biografien. Dienstags macht eine weitere ehrenamtliche Mitarbeiterin, Frau Marquart, dann die Bücherausgabe im Paulinenbau.

Wenn man Ihnen begegnet, fällt sofort Ihre Diakonissentracht auf. Was hat Sie dazu inspiriert, Diakonisse zu werden und Ihre Vorstellungen von eigener Familie hinter sich zu lassen?

Es gab verschiedene Erlebnisse, die diesen Wunsch in mir wachgerufen haben.
Mit 12 Jahren wurde ich mit einem perforierten Blinddarm in das damalige Diakonissenkrankenhaus gebracht. Meine Chancen standen sehr schlecht. Aber mich haben damals schon die Arbeit und die Art der Schwestern dort beeindruckt. Glücklicherweise wurde ich wieder gesund. Allerdings hatte ich vorerst keine Möglichkeit, diesen Beruf zu ergreifen, da ich meiner Familie im Haushalt helfen musste. Dann jedoch hatte ich die Möglichkeit, die Mädchentage im Mutterhaus zu besuchen. Während diesen bekamen wir Mädchen einen Einblick in das Mutterhaus. Wir haben viele Erzählungen gehört und oft gesungen, was mich sehr angesprochen hat. Etwas später wurde dann noch ein Bild des im zweiten Weltkrieg zerbombten Mutterhauses gezeigt, von dem nur noch ein Torflügel übrig war. Die Bildunterschrift gab endgültig den Ausschlag. Sie besagte in etwa, dass das Mutterhaus zwar zerstört sei, die Türen aber immer noch für neue Schwestern offen stünden. Ich folgte endgültig dem inneren Ruf und wählte die Berufung anstelle des Berufs. Teilweise war es für mich ein innerer Kampf, ich hatte immer Angst, dem nicht gewachsen zu sein. Aber die Gewissheit, dass Gott mich dort haben wollte, führte dazu, dass ich es auch heute jederzeit wieder machen würde. Nun bin ich seit Oktober 1955, also schon fast 58 Jahre, Diakonisse.

Eine Frage zum Schluss: Was war ihr schönstes Erlebnis mit dem Bücherwagen im Diak?

Für mich gibt es nicht das schönste Erlebnis. Aber ich erfahre immer wieder, dass meine Arbeit hier gesegnet ist. Ich erinnere mich beispielsweise an zwei Frauen, die mich darum baten, sie vor ihrer Heimkehr zu segnen. Ein andermal konnte ich einen Mann ermutigen, der nicht mehr glauben und nicht mehr beten konnte. Und wieder ein anderes Mal durfte ich für eine Frau beten, die Angst vor ihrer Operation hatte. Von daher sind es wirklich die kleinen Erlebnisse, die meine Arbeit hier für mich wertvoll und bereichernd machen.

 

 

 

 

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